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Persönlichkeiten

Johann Heinrich Jung-Stilling

Johann Heinrich Jung wurde am 12.9.1740 in Hilchenbach-Grund geboren und entstammte einer streng pietistischen Familie (siehe auch die Site "Geschichte"). Er starb am 2.4.1817 in Karlsruhe.

Die Herkunft des Beinamens “Stilling” ist bis heute unbekannt. Es gibt einige Theorien über die Entstehung des Namens “Jung-Stilling”. So könnte sie aus seiner Studienzeit stammen. Eine unten angefühte Quelle, die als Museumsführer des Stadtmuseums Hilchenbach dient und dort auch erhältlich ist, führt die folgende Entstehungsgeschichte des Beinamens “Stilling” aus: Als Schneidergeselle bzw. Dorf- und Hauslehrer bekam er während seiner Wanderschaftszeit enge Tuchfühlung zu niederrheinischen Pietisten, den sogenannten "Stillen im Lande". Nach ihnen nannte er sich später "Jung-Stilling". Prof. Dr. Gerhard Merk, Stillingforscher an der Universität Siegen,

Das Jung-Stilling-Denkmal in Hilchenbach

wies uns am 16. und 18.5.2001 zu recht per EMail darauf hin, daß diese Aussage bis heute nicht durch Stellen in der Literatur belegbar ist. Er führte beispielhaft als weitere Theorie aus, daß der Name “Stilling” ein möglicher Spitzname seiner Straßburger Studienfreunde gewesen sein könnte. Bei einer am 17.5.2001 in Siegen im “Haus der Kirche” durchgeführten Jahresversammlung der Stillingforscher wurde dieses Thema erst unlängst wieder thematisiert. Die Sites der Jung-Stilling-Gesellschaft Siegen e.V. finden Sie über Ihre Suchmaschine im Internet. Dort sind zahlreiche Informationen über Jung-Stilling verfügbar.

Nachdem er als Rektor der Lateinschule in Hilchenbach abgeleht wurde, wandte sich Jung-Stilling von seiner Heimat ab. 1769 ging  er nach Straßburg, wo er bis 1772 Medizin studierte. Er traf dort mit Goethe und Herder zusammen.

Das Relief von Jung-Stilling befindet sich an seinem Geburtshaus in Grund

Sein Promotionsthema zum Doktor der Medizin war: "Ausführungen über die Geschichte des Eisens im Nassauischen und Siegerländischen".

Während seiner praktischen medizinischen Tätigkeit in Elberfeld (1772 - 1778) wurde er zu einem der erfolgreichsten Augenoperateure seiner Zeit. Sein  Spezialgebiet war der graue Star. Danach wurde er Lehrer an der Schule für Kameralwissenschaft in Mannheim. 1784 wurde diese Hohe Schule nach Heidelberg verlegt. 1787 ging er dann als  Professor der Ökonomie-, Finanz- und Kameralwissenschaften nach Marburg.

Neben seiner Lehrtätigkeit arbeitete er zunehmend an religiösem Schrifttum. Da er von dem badischen

Das Geburtshaus von Jung-Stilling, das im Jahre 1928 abgebrannt ist

Kurfürsten Friedrich, der ihn zum Geheimrat ernannte, eine Pension bekam, konnte er seit 1803 in Heidelberg und seit 1806 in Karlsruhe bis zu seinem Tod im Jahre 1817 ungehindert seine erweckerisch-missionarische Tätigkeit ausüben. Als Verbreiter pietistischen Gedankenguts erlangte er hohe Bedeutung. In der Geschichte der deutschen Selbstbiographie nimmt er eine herausragende Stellung ein. Der erste Teil seines Hauptwerkes, einer sechsbändigen Autobiographie, wurde von Goethe bearbeitet und 1777 als "Henrich Stillings Jugend"

Das wieder aufgebaute Geburtshaus von Jung-Stilling in Grund, das heute ein Jung-Stilling-Museum beherbergt, das nach Absprache besichtigt werden kann

veröffentlicht.

Viele seiner wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten sind für die Geschichte des Siegerlandes sehr aufschlußreich, da sie sich zum Teil direkt auf die  Hilchenbacher Region beziehen. Er selbst hat die Region allerdings seit 1762 nicht wieder besucht. In seinen Werken sind Orts- und Personennamen verschlüsselt. Für Hilchenbach verwendet er die Bezeichnung "Florenburg”.

Am 3. August 1928 brennt das Haus, in dem Johann Heinrich Jung-Stilling geboren wurde und in dem er während seiner Zeit in Grund gewohnt hat, vollständig ab

 

 

Wilhelm Münker

Drei Jahre nach dem Ende des Deutsch-Französichen Krieges von 1870/71, der Einigung des Deutschen Reiches durch Bismarck und der Proklamation des Preußenkönigs Wilhelm I im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser, trug Pfarrer Weller, damals Hirte der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Hilchenbach, auf Seite 90 des Taufregisters unter der Nr. 108 folgendes ein:

Die Wilhelm-Münker Jugendherberge in Hilchenbach im Jahr 2002

Friedrich Wilhelm Münker, geb. am 29. November 1874, 8.00 Uhr abends, ehelich. Vater Carl Münker, Mutter Emilie geb. Weiß. Weitere Eintragungen folgten: Taufe am 13. Januar 1875, Taufzeugen 1. Carl Weiß, 2. Carl Vollpracht, 3. Heinrich Eduard Reifenrath, 4. Wilhelm Schmidt aus Müsen. Er ahnte seinerzeit wohl nicht, daß er den Eintrag eines großen Mannes und späteren Ehrenbürgers der Stadt Hilchenbach vorgenommen hat. Wilhelm Münker wurde Mitbegrüder des Deutschen Jugendherbergswerks. Er starb nach sehr erfülltem und engagiertem Leben am 29.9.1970 in Hilchenbach. Er war schon im Jahre 1903 als begeisteter Naturfreund Vorsitzender der Hilchenbacher Ortsgruppe des Sauerländischen Gebirgsvereins, seinerzeit die erste im Siegerland

Durch seine finanzielle Unterstützung und seine Tätigkeit als  Begründer des Licht-Luftbadevereins konnte 1906 in Hilchenbach ein Freibad eröffnet werden.Im SGV traf Münker den gleichaltigen Pädagogen Richard Schirrmann, der für seine Idee der Einrichtung von Jugendherbergen in Münker

Die Wilhelm-Münker-Gedenktafel an dem Geburtshaus Wilhelm Münkers in der Kirchstraße in Hilchenbach, direkt gegenüber der evangelisch-reformierten Kirche

einen unermüdlichen Helfer fand. 1912 führte die enge Zusammenarbeit zur Gründung des "Ausschusses für Jugendherbergen" woraus sich nach dem ersten Weltkrieg das Deutsche Jugendherbergswerk entwickelte. Münker wurde ehrenamtlicher Hauptgeschäftsführer und kümmerte sich vor allem um die Bereitstellung von finanziellen und materiellen Hilfsmitteln.

Bis 1914 existierten schon über 200, um 1920 über 1.000 Jugendherbergen in Deutschland. In den Jahren 1924 bis 1928 erlebte das Herbergswerk einen starken Aufschwung, der auch in der Gründung von Jugendherbergen im Ausland mündete. Im Jahr 1927 gab es allein in Deutschland 2.195 Jugendherberben.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten lehnte Wilhelm Münker die weitere Zusammenarbeit ab, da die Jugendherbergen zu Stätten politischer Bildung umfunktioniert wurden. Nach dem 2. Weltkrieg, von 1945 - 1949 übernahmen Schirrmann und Münker noch einmal die Leitung des Jugendherbergswerks.

Danach kümmerte sich Münker intensiv um den Naturschutz und wandte sich gegen Monokulturen in den Wäldern und wies auf deren schädlichen Auswirkungen hin (Verfichtung bzw. Stangenfabriken, wie Münker die Fichtenwälder nannte). Die Fichte ist erst nach dem Niedergang

Das Geburtshaus Wilhelm Münkers vor 1970

der Haubergswirtschaft (siehe unsere separate Site “Hauberge”) im Siegerland angepflanzt worden und war hier früher nicht heimisch. 1964 gründere er mit der  Stadt Hilchenbach die heute bundesweit arbeitende "Gesellschaft zur Ordnung in der Außenwerbung e.V.". Seinem persönlichen Einsatz ist es zu verdanken, daß Reklametafeln von den Autobahnbrücken bzw. generell im Außenbereich wieder abgenommen wurden und Werbung auf Güterwaggons der Bundesbahn unterblieb.

Die 1958 von ihm gegründete "Wilhelm-Münker-Stiftung" soll dazu beitragen, die Forderung nach Erhaltung der Natur und der Gesundheit zu realisieren.

Die Stadt Hilchenbach ernannte Wilhelm Münker 1944 zu ihrem ersten (und auch bisher noch einzigen) Ehrenbürger, wobei die nationalsozialistische Partei die  Aushändigung der Urkunde untersagte. 1969 bestätigte die nach kommunaler

Die erste Jugendherberge in Hilchenbach war nur für Jungen und wurde etwa 1908 eröffnet (Bild). Eine Sommerherberge für wandernde Mädchen richtete Wilhelm-Münker 1911 in der nahe gelegenen Schützenhalle ein

Neugliederung entstandene neue Stadt Hilchenbach urkundlich die Ehrenbürgerwürde.

Welche Wirkungen das Lebenswerk von Wilhelm Münker in Hilchenbach hinterlassen hat, zeigte sich, als 1985 der Bestand der Wilhelm-Münker-Jugendherberge gefährdet schien. Mit Spenden aus breiten  Bevölkerungsschichten und finanziellen Einsätzen des Jugendherbergswerks, der Wilhelm-Münker-Stiftung, der Stadt und des Kreises, konnte die Jugendherberge instandgesetzt und so modernisiert werden, daß sie heutigen  Anforderungen entspricht. Durch das Jugendherbergswerk lebt Wilhelm Münkers Idee - nicht nur in Hilchenbach - weiter.

Wilhelm Münker, ein mutiger Mann im Kriegsjahr 1945

Da neben vielen großen Taten, die oben kurz skizziert wurden, sein Verhalten in den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges besonders mutig und bedeutend für die Stadt Hilchenbach war, fassen wir hier ihm zu Ehren einige Informationen aus dem Kapitel “Ein mutiger Mann in der großen Katastrophe des Kriegsjahres 1945” für den interessierten Leser zusammen (Literaturhinweis siehe Quellenangaben). Die Zeilen sollten auch als Mahnung und Erinnerung an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte gelten: In den ersten Tagen des April 1945 rollte pausenlos Geschützdonner von Ost und West über das Siegerland. Riesige Pulks der amerikanischen und britischen Luftwaffe preschten durch die Täler und bombardierten Eisenbahnlinien, Straßen, Brücken, Fabriken und auch Häuser und schossen aus Bordkanonen auf alles, was sich in den Dörfern und Städten in den Quellgebieten von Sieg, Lahn und Eder bewegte, vor allem natürlich auf Fahrzeuge deutscher Soldaten, die in den dichten Wäldern des Rothaargebirges Schutz suchten und notdürftige

Hilchenbachs größter Sohn und einziger Ehrenbürger, Wilhelm Münker, geb. 29.11.1874 in Hilchenbach, gest. 20.09.1970 in Hilchenbach

Verteidigungsstellungen bezogen, um den Vormarsch der Alliierten zu stoppen. Das Artilleriefeuer näherte sich mit dumpfem Grollen von allen Seiten zugleich dem Städtchen Hilchenbach. Wilhelm Münker ging in diesen Tagen durch Hilchenbach und war sich mit Mitbürgern einig, daß der Krieg nun endgültig als verloren gelten müsse und das jeder Widerstand der zwischen Ruhr und Sieg eingekesselten Divisionen sinnlos, ja selbstmörderisch sei.

Er beobachtete das sinnlose Wirken des sogenannten Volkssturms, einer aus Jugendlichen, ja Kindern, die man in Wehrertüchtigungslager geholt hatte, und alten Männern zusammengewürfelten Truppe, dem letzten Aufgebot des “Großdeutschen Reiches”, die Befehl hatte, an Engstellen im Gelände und vor allem an Straßen und vor Brücken Panzersperren zu errichten oder Panzergräben auszuheben und zu tarnen. Münkers Unerschrockenheit in Gesprächen mit deutschen Soldaten wurde bewundert oder gar als leichtsinnig verurteilt. Münker war durch eigene Erfahrungen im ersten Weltkrieg und Erlebnisse beim Untergang Kassels und anderer Städte klar, daß ein paar auf den Stadtkern gezielte Granaten oder ein paar Brandbomben genügten, um eine Wiederholung der Kathastrophe von 1689 auszulösen.

Bei Münker reifte der feste Entschluß, alles zu tun, um ein solches Unglück abzuwenden, auch wenn er damit rechnen musste, von den Schergen der für Deutschland so unseligen NSDAP als Verräter verhaftet oder als Defätist an die Wand gestellt zu werden. Am 5. April 1945 schulterte er seinen Rucksack und nahm seinen Wanderstock um sich auf den Weg nach Krombach (10 km) und von dort nach Burgholdinghausen (3 km) zu machen, um dem damaligen Kreisleiter der Siegerländer NSDAP, Neuser, die Sinnlosigkeit eines weiteren Widerstandes gegen die anrückenden Divisionen der Amerikaner und Briten deutlich zu machen, um die Konsequenzen aus einem verlorenen Krieg zu ziehen und zu retten, was noch zu retten sei. Er schilderte die Stimmung in der Bevölkerung und unter Mitgliedern der NSDAP, die ebenfalls einen hinhaltenden Widerstand für unsinnig hielten. Er zitierte das Urteil von Offizieren und Unteroffizieren, mit denen er gesprochen hatte und die freimütig bekannten, da die deutsche Artillerie keine entscheidende Abwehr mehr leisten könne, weil es an Munition fehle, und verwies auf Generalfeldmarschall von Ludendorff, der 1918 in aussichtsloser Lage so rechtzeitig den Befehl zum Einstellen der Kämpfe gegeben habe, daß deutsches Land nicht noch durch den Krieg verwüstet worden war. Doch vergebens, Kreisleiter Neuser entgegnete, daß er verschiedenes nicht gehört haben wolle, daß der Krieg von denen fortgesetzt würde, die ihn bisher verantwortlich führten und daß Schwächlinge und Verräter allzuviel geschadet hätten, und: “wir werden siegen!”.

Am 7. April 1945 versuchte Münker dann zusammen mit Landrat Weihe nach einem Fußmarsch vom Erholungsheim Hilchenbach nach Brachthausen, Divisionsgeneral König, der dort in der Bäckerei Graube provisorisch sein Stabsquartier aufgeschlagen hatte, die Sinnlosigkeit weiteren Widerstandes deutlich zu machen, fand Verständnis und hörte die resignierenden Worte, daß man alleine nicht handeln könne. Danach intervenierte er noch beim Regimentskommandeur Zorn, der als Kampfkommandant gebeten wurde, sich telefonisch mit General König in Verbindung zu setzen und alles zu tun, um die Menschen Hilchenbachs vor der Vernichtung und das Städtchen vor dem Untergang zu retten.

Am 8. April, als die Amerikaner schon bis zum Bahnhof in Vormwald, also bis auf Sichtweite an Hilchenbach herangerückt waren, fuhren Landrat Weihe und Münker trotz Artilleriebeschuß über Silberg und Littfeld nach Bockenbach (bei Kreuztal-Eichen), um in einem Bauernhaus mit Generalmajor Engel, dem dort einquartierten Divisionskommandeur, der einmal Adjutant Adolf Hitlers war, zu sprechen. Auch er gab die Aussichtslosigkeit weiterer Verteidigung zu. Münker drängte ihn zu selbständigem Handeln um dem Siegerland eine weitere Verwüstung zu ersparen. Bei der zentralen Frage zuckte der Kommandeur aber nur mit den Achseln.

In der Nacht vom 8. (Sonntag) auf den 9. April (Montag) verstärkten die Amerikaner den Artilleriebeschuß. In der Nähe des Hilchenbacher Marktes brannte der Dachstuhl eines Hauses. Wenig später griff in den Lederwerken ein Großfeuer um sich. Münker eilte zum Küster und mit diesem und einem Dahlbrucher Ingenieur zur Kirche. Sie läuteten die Sturmglocke. Aber nur wenige Bürger verließen die Keller ihrer Häuser um zum Spritzenhaus zu laufen und den wenigen Feuerwehrmännern beim Auslegen der Schläuche zu helfen. Alles deutete darauf hin, daß das Feuer von den Lederwerken auf die Gerber- und Schützenstraße übergreifen und sich somit die Feuersbrunst vom 26. April 1844 wiederholen würde, die zwischen Markt und Rothenberger Straße viele Fachwerkhäuser in Schutt und Asche gelegt hatte.

Münker lief zum Gasthof Müller, um den dort einquartierten Stab der deutschen Truppe zu Hilfe zu holen. Aber die Soldaten waren im Schutze der Nacht in Richtung Sauerland über Brachthausen abgerückt. Ein Handwerksmeister, der zu dem Häuflein derer stieß, die bemüht waren, Hilchenbach vor dem Abbrennen oder der Zerstörung zu bewahren, meinte, jetzt müsse endlich die weiße Fahne gehißt werden, damit die Amerikaner das Artilleriefeuer einstellten. Münker, 71 Jahre alt, lief wieder zum Küster und forderte ihn auf, ein großes weißes Tuch an eine lange Stange zu nageln, um den heranrückenden Amerikanern ein Zeichen der Kapitulation zu setzen. Da der Bürgermeister noch in Keppel wohnte forderte er den Beigeordneten auf, in der gefährlichen Lage für die Stadt ein Signal zu geben, daß keine deutschen Soldaten mehr im Ort und rund um die Wilhelmsburg stünden und die Stadt kampflos übergeben werde. Der Beigeordnete lehnte es ab, die Verantwortung für einen solchen Schritt als Zeichen der Kapitulation zu übernehmen. Wilhelm Münker konnte den Zorn über die Hilflosigkeit des Beigeordneten nicht verbergen und meinte, daß er das übernehmen würde wenn die Amerikaner beim Hellwerden noch schießen würden. Beim Morgengrauen hörte das Artilleriefeuer plötzlich auf. Münker sah dann in der Kirchstraße die erste amerikanische Patrouille und schritt auf sie zu. Er versicherte ihnen, daß kein deutscher Soldat mehr in Hilchenbach sei und daß die Reste der deutschen Divisionen sich nach Westen und Norden zurückgezogen hätten.

Am Ende der Bruchstraße/Unterzeche begegnete er dann die zweiten Patrouille, die vorsichtig im Schutz der Häuser vorrückte und mißtrauisch zwei deutsche Militärwagen beobachteten. Münker versicherte ihnen, daß beide Fahrzeuge bewegungsunfähig zurückgelassen worden seien. Die Amerikaner gingen mit der Maschinenpistole im Anschlag auf die Wagen zu, fanden die Wagen leer vor und kamen lächelnd und dankend zurück und ginen in das Haus des Buchhändlers Münker um sich eine Tasse Kaffee aufbrühen zu lassen. Wilhelm Münker hatte seine Stadt durch hissen der weißen Flagge gerettet. In den Vormittagsstunden des 9. April rückten größere Verbände der Amerikaner in Hilchenbach ein. Die Straßen waren überfüllt mit Fahrzeugen, Geschützen und riesigen Panzern. Etliche Häuser wurden von den Truppen requiriert und mussten in Minuten geräumt werden. Wilhelm Münker ging ohne zu zögern auf den ersten Kommandanten zu und bemühte sich in engagierten Verhandlungen, Härten für die Bevölkerung zu unterbinden. Er wurde dabei von einem Fabrikanten aus Köln, der in Hilchenbach eine Notwohnung hatte und jetzt als Dolmetscher für rasche Verständigung sorgte, bestens unterstützt. Gespräche mit dem ab dem 11. April eingesetzten Standortkommandanten, wie Wilhelm Münker in sein Tagebuch schrieb ein “Rauhbein ersten Ranges”, waren kaum zu führen, da der den Deutschen den strammsten Bolschewismus wünschte und der Meinung war, daß es den Deutschen gar nicht schlecht genug ergehen könne. Die Stadtverwaltung erwies sich als völlig hilflos. Siegestrunkene Soldaten durchsuchten die Stadt nach alkoholischen Getränken, ließen Schmucksachen, Wertgegenstände, Kleider, Wäsche und anderes mitgehen und in die Freiheit entlassene russische und polnische Gefangene und Zwangsarbeiter plünderten hemmungslos um ihren Hunger zu stillen, um sich neu einzukleiden und um manchen Wert- oder Gebrauchsgegenstand mitgehen zu lassen. Wilhelb Münker war in diesen Tagen pausenlos unterwegs um die chaotischen Zustände zu beseitigen oder zu mildern. Er erreichte beim Militärkommandanten in Helberhausen eine Verlängerung der abendlichen Ausgehstunde von 18 auf 20 Uhr. In den nächsten Tagen wanderte er nach Grund, Vormwald und Helberhausen, um Kriegsschäden festzustellen und der unter dem Terror der Russen und Polen leidenden Bevölkerung durch wiederholte Interventionen bei dem Stadtkommandanten und der US-Militärpolizei zu helfen.

Er half Frauen, die für ihre hungernden Kinder kein Brot hatten und ermutigte Mitbürger, sich notfalls mit Knüppeln und Mistgabeln gegen die Übergriffe marodierender “Hilfswilliger” aus dem Osten zu wehren. Er bemühte sich in Zusammenarbeit mit Bürgermeister Pränger und Direktor Bernhard Weiss von der Siemag sowie Hermann Forschepiepe, Nahrungsmittel heranzuschaffen, einen Nothilfeausschuß zusammen mit Forschepiepe und mit anderen Bürgern der Stadt ins Leben zu rufen, der einen Sicherheitsdienst für die Bevölkerung zu organisieren und alle Kräfte für Gemeinschaftsaufgaben zu erfassen und erste Instandsetzungsarbeiten einleiten sollte. Er holte den Hilchenbacher Arzt Dr. Ritter aus einem Gefängnis im Rathaus, gab Anstöße, einen behelfsmäßigen Briefdienst der Post über Kreuztal nach Siegen und Betzdorf, schließlich sogar bis Köln und zudem die Stromversorgung wieder in Gang zu bringen. Er schrieb alles nieder, was er den den turbulenten Tagen des Kriegsendes sah, erlebte und in Bewegung setzte. Er notierte auch, welche Parteigenossen der NSDAP, welche Beamten, Verwaltungsangestellten, Fabrikanten, Handwerksmeister, Lehrer etc. wo und wann von den Amerikanern festgenommen wurden oder zur Internierung in ein Lager abtransportiert wurden. Das betreten der Hauberge war verboten. Da das Holz aus dem Niederwald aber einziges Brennmittel war, wurde Münker bei Forstmeister Sorg vorstellig um eine Regelung zu finden. Er durchwanderte trotz des Verbots die Wälder des nördlichen Siegerlandes bis nach Littfeld und machte Mitbürgern Mut, die anstehenden Arbeiten im Hauberg zu beginnen.

Wilhelm Münker, der sich in der höchsten Not seiner Heimat als Nothelfer verstand und trotz seiner 71 Jahre von früh bis spät tätig war, der manchem Freund und Bekannten durch Leumundszeugnisse aus politischer Bedrängnis half, lehnte es jedoch ab, bestimmte Funktionen in Ausschüssen oder Verwaltungsgremien zu übernehmen da nach eigenem Bekunden seine Aufgaben auf anderem Gebiet lägen. Münker, der mit soviel Umsicht und Mut in den schwersten Tagen Deutschlands ohne jeden Gedanken an persönlichen Gewinn und jede Gefahr mißachtend nach dem Leitspruch lebte: “Und handeln sollst Du so, als hinge von Dir und Deinem Tun allein das Schicksal ab der deutschen Dinge und die Verantwortung wär Dein!” war und ist der bisher einzige und absolut solcher Auszeichnung würdige Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Hilchenbach.

Mit diesen Zeilen, die Deutschlands und Hilchenbachs schwerste Zeit skizzieren, möchten wir den Worten Dr. Wilhelm Müller-Müsen beipflichten und Ehrung und Mahnung zugleich vornehmen.

 

 

Quellenangaben

"Stadtmuseum Hilchenbach in der Wilhelmsburg" aus dem  Jahre 1982. Die vollständige Dokumentation ist im Stadtmuseum erhältlich.

"Wirtschaftsgeschichte des Hilchenbacher Raumes", Die Entfaltung der Wirtschaft im nördlichen Siegerland seit dem Mittelalter von Friedrich-Wilhelm Henning

Zudem dienten als Quelle EMails vom 16.5.2001 und 18.5.2001 von Prof. Dr. Gerhard Merk,  Stilling-Forscher an der Universität Siegen. Vielen Dank für den Hinweis darauf, daß die Herkunft des Beinamens “Stilling” bis heute ungeklärt ist. Unsere Sites können dadurch nur noch präziser werden. Die Ausführungen in dem oben erwähnten Museumsführer der Stadt Hilchenbach sind an dieser Stelle nicht ganz präzise. Richtig wäre es, die oben beschriebene Herkunft als eine der bestehenden Theorien zu bezeichnen, wie auch Prof. Dr. Merk sein Beispiel über die Straßburger Studienfreunde als ein mögliches Beispiel bezeichnet hat

Das Bild von Jung-Stillings Geburtshaus, das 1928 abgebrannt ist, stammt aus “Siegerland” Blätter des Vereins für Heimatkunde und Heimatschutz im Siegerland samt Nachbargebieten, Jahrgang 1940, Heft 3, Sonderheft zum 200. Geburtstage von Joh. Heinr. Jung-Stilling und zum 150. Geburtstage von Adolf Diesterweg mit zahlreichen Abbildungen, Selbstverlag des Vereins für Heimatkunde und Heimatschutz, Siegen.

Die beiden Bilder vom brennenden Jung-Stilling-Geburtshaus hat freundlicherweise Henning Moll aus Hadem zur Verfügung gestellt.

Informationen über die Geburtseintragungen sowie über Wilhelm Münkers mutiges Auftreten im Kriegsjahr 1945 stammen aus den Kapiteln “Ein mutiger Mann in der großen Katastrophe des Kriegsjahres 1945” bzw. “Wilhelm Münkers Lebensweg und Lebenswerk” in dem Werk “Weg-Weiser und Wanderer”, Wilhelm Münker, ein Leben für Heimat, Umwelt und Jugend, getextet und bearbeitet von Dr. Wilhelm Müller-Müsen, Herausgeber und Verlag: Deutsches Jugendherbergswerk, Detmold mit Unterstützung der Wilhelm-Münker-Stiftung Hilchenbach sowie der Stuttgarter Wilhelm-Münker-Stiftung, Druck: Vorländer, Siegen 1989

Die Bilder vom Geburtshaus Wilhelm-Münkers und von der ersten Jugendherberge in Hilchenbach sowie das Portraitfoto von Wilhelm Münker stammen aus Wilhelm Münker, 1874 - 1970, Ein Rückblick auf Leben und Werk, Festreden anläßlich der Feierstunde am 3. Dezember 1999 in Hilchenbach/Westfalen, Wilhelm-Münker-Stiftung, Gemeinnützige Stiftung für Gesundheit, Wandern, Naturschutz und Heimatpflege, Herausgeber Wilhelm-Münker-Stiftung, Redaktion Jost-Peter Weiß, Druck: Vorländer, Siegen, 2000

Zahlreiche Informationen über Wilhelm Münker und sein Lebenswerk finden Sie auch hier auf den Sites des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) bzw. auf den Sites der Wilhelm-Münker-Stiftung. Klicken Sie auf den jeweiligen der beiden vorstehenden Links

Die übrigen Bilder sind eigene Fotos

 

 

Carl Kraemer

Dank Carl Kraemer, dem Vater des deutschen Tierschutzgesetzes, geboren am 22.12.1873, gestorben am 12.5.1951, bleibt der Name der Tierschutzbewegung für alle Zeit mit dem Namen eines Hilchenbachers verbunden.

Zu seinem Gedenken ist am 20.6.1978 eine "Stiftung Deutsches Tierschutz- museum" mit Sitz in Hilchenbach errichtet worden. Vorstand der Stiftung, dessen jeweiliger Vorsitzender  der jeweilige Stadtdirektor der Stadt Hilchenbach ist, und das Kuratorium der Stiftung haben damit begonnen, mit den Mitteln des Stiftungsvermögens das "Deutsche Tierschutzmuseum" in Hilchenbach  einzurichten. Das Lebenswerk soll in seinem Vaterhaus

Gedächtnistafel an dem Geburtshaus Carl Kraemers in der Bruchstraße 28 in Hilchenbach

erhalten bleiben.

Der Hilchenbacher Carl Kraemer, der nach der Schule das Sattlerhandwerk in Siegen erlernte und Sattlermeister wurde, kannte seit frühester Jugend den sehr aktiven Natur- und Tierfreund Richard Becker ("Speelmanns Richard"), Gründer und Vorsitzender des Hilchenbacher  Tierschutzvereins. Als Richard Becker 1899 starb wurde Carl Kraemer sein Nachfolger. Bereits im Jahre 1894 hatte Carl Kraemer das Berliner Ehepaar Hans und Meta Behringer kennengelernt, die damals den "Berliner  Tierschutz-Verein zur Bekämpfung der Massentierquälerei" leiteten. Die Berliner Tierschützer beriefen Carl Kraemer in den Jahren 1911/1912 zum Geschäftsführer ihres Vereins. Im ersten Weltkrieg kamen auf den Verein  besondere Aufgaben zu. Es quälte Carl Kraemer, daß die verwundeten Pferde nicht ebenso wie die verwundeten Menschen versorgt wurden. Er organisierte eine große Hilfsaktion und im Jahre 1915 vertrat er in Genf die Interessen des Deutschen Reiches, als dort über den "Internationalen Roten Stern" verhandelt wurde, der den verwundeten Kriegspferden auf den Schlachtfeldern internationalen Schutz gewähren sollte.

Nach dem ersten  Weltkrieg baute Kraemer in Berlin eine große Druckerei, die Millionen von Tierschutzmerkblättern für die deutsche Schuljugend druckte. Carl Kraemer hatte jedoch frühzeitig erkannt, daß alle Arbeit für den Tierschutz  Stückwerk bleiben musste, solange es keine ausreichende gesetzliche Grundlage gab. Als 1933 das Schlachtgesetz und das Tierschutzgesetz zur Beratung und Beschlußfassung anstand, wurde Carl Kraemer als einziger Vertreter des Tierschutzes an der Gestaltung maßgeblich beteiligt. Der zuständige Referent im damaligen Reichsministerium des Innern hat nach der Unterzeichnung des Tierschutzgesetzes Carl Kraemer in feierlicher Form die Hand  gedrückt und ihn den "Vater des Tierschutzgesetzes" genannt.

Die Machthaber des 3. Reiches versuchten die Tierschutzorganisation in ihre Hände zu bekommen und Carl Kraemer kaltzustellen. Durch einen genialen Schachzug gelang es Carl Kraemer, dem Verhängnis zu entgehen. Er wandelte den Berliner Verein in einen "Verlag Deutscher Tierschutzwerbedienst GmbH" um. Die Wirren des 2. Weltkrieges zerstörten jedoch die  Existenzgrundlagen des Verlages und Carl Kraemer kehrte 1943 nach Hilchenbach zurück. Hier begann sofort nach dem Kriege der Wiederaufbau und schon 1948 konnte "Der Deutsche Tierschutzkalender" neu erscheinen 

 

 

Quellenangaben

Alle Informationen zu Carl Kraemer sind aus der Veröffentlichung “Hilchenbach - Bilder einer liebenswerten Stadt” von Dr. Alexander Wollschläger, erschienen 1979 im Selbstverlag des Verfassers in Netphen. Das Werk stellt eine umfassende und sehr empfehlenswerte Dokumentation über Hilchenbach in Wort und Bild dar

Das Foto zu Carl Kraemer ist ein eigenes Foto

 

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