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Spinnen/Weben

Spinnen und Weben

Die Kunst, aus tierischen oder pflanzlichen Ausgangsstoffen Gespinste herzustellen, ist sehr alt. Die primitivste Form der Spinnerei wurde ohne Werkzeuge wurde durch Rollen der Fasern zwischen den Händen oder auf den Schenkeln ausgeführt. In der Jungsteinzeit von ca. 4500 bis 1800 v.Chr. waren die ältesten bekannten Spindeln aus Holz und als Schwunggewichte dienten meist  aus Ton hergestellte Spinnwirteln (= kleine, rundgedrehte, durchlochte Klumpen).

Eine Weiterentwicklung des Spinnens durch das handgetriebene Spinnrad begann im 13. Jahrhundert und das Tretspinnrad kam wohl erst zum Anfang des 16.

Bild 1             Alter, verzierter Webstuhl mit der Welle, die die Webschäfte mit den Kettfäden wechselnd hebt und senkt. Dadurch kann der Weber den Schussfaden jeweils in anderer drüber/drunter Reihenfolge gegenüber dem vorherigen Schussfaden “durchschießen”

Jahrhunderts auf. Spätere umwälzende Erfindungen wie die mechanischen Spinn- und Webmaschinen wurden im 18. Jahrhundert in England gemacht.

Der Uhrmacher Adam Winke aus Helberhausen war um 1780 dabei  behilflich, die erste Spinnmaschine nach englischem Vorbild auf dem europäischen Kontinent aufzubauen. Die Industrialisierung in diesem Bereich hatte in weiten Teilen Deutschlands wie z.B. in Schlesien für zahlreiche Menschen verhängnisvolle Folgen. Wo früher zehn Spinner notwendig waren,um einen Weber mit seinem Stuhl zu beschäftigen, wobei die Frauen und Kinder mit dem Spinnen und Spulen kaum nachkamen wurden Spinner und Weber  durch die maschinelle Fertigung ihrer Existenzgrundlage beraubt. Wo Spinnen und Weben Haupterwerbszweige waren gab es in Folge Hungersnöte.

Im Siegerland sind solche Folgen wegen der völlig anders gearteten Wirtschaftsstruktur nicht nachweisbar, obwohl auch hier Spinnen und Weben ihre Bedeutung vor allem im häuslichen Bereich hatte. Auf dem Lande war das Flachsspinnen und -weben ein existenzsichernder Nebenerwerb. Flachs oder Lein, als älteste Faserpflanze seit drei Jahrtausenden zu Gespinst und Gewebe verarbeitet, gedieh auch im Siegerland im rauhen, feuchten Mittelgebirgsklima. Eine alte Regel erklärt die kurze Vegetationszeit: “Am 100. Tag des Jahres wird gesät, 10 Tage danach läuft die Saat auf, 100 Tage danach wird geerntet.” Die Weiterverarbeitung bot der ländlichen Bevölkerung in den Wintermonaten Beschäftigung. Für den Hausgebrauch stellten die Menschen ihre Kleidungs- und Wäschestoffe her.

Aussaat, Jäten und Rupfen des Flachses bei der Ernte und die Vorbereitung spinnbaren Leinengarns erfordeten viel Handarbeit. Flachsbündel, “Riste”, trockneten über Zäunen und Stangen mit der Wurzel nach oben. In der Scheune wurden durch das “Riffeln” auf einem kammartigen Gerät mit spitzen Eisenzacken die Samenkapseln entfernt. Der gedroschene Leinsamen kam zur Ölmühle, ein Teil blieb als Saatgut. Mit dem “Rösten”, einem Gärungsprozess unter Wasser, verrotten die Leimsubstanzen zwischen Bast und Holzteilen der Flachsstängel, die Fasern wurden herauslösbar. In der “Tauröste” blieb der Flachs auf Wiesen ausgelegt 3-4 Wochen der Wirkung von Tau, Sonne und Regen ausgesetzt, wurde öfter mit Rechen gewendet und dann, von der Sonne getrocknet, in die Scheunen gefahren.

Das Flachsbrechen war eine Gemeinschaftsarbeit der Frauen zwischen Grummet1 und Kartoffelernte und fand in den noch vom Brotbacken warmen Backhäusern statt. Die Flachsristen legte man mit großer Vorsicht zum Dörren ausgebreitet in die Öfen, ein versteckter Funke

Bild 2               Auf der Breche wurde früher Flachs gebrochen, um die Holzteile von den Fasern zu entfernen

konnte den Flachs vollständig verbrennen. Auf der “Breche” wurdne die Holzteile durch Quetschen der Flachsstängel gesplittert, fielen als “Schew” ab und wurden als Steu, Dünger oder zum Speismischen verwendet. 50-70 Riste “durch die Breche schlagen” galt als Tagesleistung. Um die letzten Holzreste aus den Fasern zu schlagen bearbeiteten meist geübte “Schwingfrauen” mit langen Holzbrettern die über “Schwingböcke” gelegten Flachsbündel. Beim anschließenden “Hecheln”, einer gemeinsamen Arbeit in warmem Raum, kämmten, glätteten und sortierten die Frauen auf Hechelbrettern, die mit spitzen Messingzinken versehen waren, den Flachs zu Gewirkbündeln. Es waren lange, glänzende Fasern, “Kern” genannt, die für Hemdenleinen und Wäsche verspinnbar waren. Die mittlere Sorte, “Werg” genannt, ergab Handtücher und grobes Bettzeug, aus den kurzen, groben Fasern entstanden Heutücher und Säcke. Zum Spinnen trafen sich die Frauen im Winter gern in den dörflichen Spinnstuben reihum in den Häusern. Auf ihren kunstvoll gedrechselten Spinnrädern, die man nach der Schulentlassung schenkte, spannen die Mädchen das Garn für die Aussteuer, was früher ein besonderer Ehrgeiz der Mädchen war.

In der Stadt Siegen ist Textilgewerbe seit dem Mittelalter belegt, seit 1386 gab es eine Webergasse. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Weberei zu einer blühenden Textilindustrie, die vielen Menschen Heimarbeit gab und die über den eigenen Markt hinaus Leinen- und Baumwollstoffe produzierte. Um

Bild 3             Auf Hechelbrettern wurden die langen Flachsfasern zu Bündeln gekämmt und geglättet

1815 hatte die Siamosenweberei2 von A.A. Dresler, gegründet 1754, die einen baumwollenen Schürzenstoff herstellte, etwa 900 Webstühle vor allem in den von der Eisenindustrie entlegenen Dörfern in Arbeit, durch die 1.000 Erwachsene und ebenso viele Kinder beschäftigt waren. Die Weber konnten die häuslichen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten verrichten und in den übrigen Stunden Stoffe weben um sich einen sicheren Verdienst zu schaffen. Da die Weberlöhne sehr gering waren, waren die Arbeitstage sehr lang. 1861 wurden im Kreis Siegen 1.153 Webstühle gezählt. Die Zahl der Spinnräder ist amtlich  nicht ermittelt worden. Sie muss jedoch bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehr hoch gewesen sein, da man im allgemeinen 2 - 3 Spinnräder je Haus in den Dorfschaften rechnete.

Dem Weber an einem Webstuhl mussten zehn Spinnerinnen zuarbeiten, eine geübte Spinnerin konnte an einem Tag auf ihrem Flügelspinnrad, dem im Siegerland üblichen Langrad, den voll mit Flachsfaser bewickelten Rocken leerspinnen. Durch das “Haspeln” wurde das gesponnene Garn zu Strängen mit bestimmter Länge geformt, die gewaschen, gebleicht oder gefärbt, selber verarbeitet oder verkauft wurden. Die Stränge wurden mit Garnwinden und Spulrädern auf Webspulen gewickelt, wobei die Kinder und Alten in der Familie mithalfen. Die letzte und schwierigste Vorbereitung zum Weben war das Scheren und Aufziehen der Webkette (Längsfäden). Das Weben ist eine Verkreuzung von Längsfäden (Kette, die auf eine Rolle aufgerollte Parallelfäden darstellt) und dem Querfaden (Einschlag oder Schußfaden), der jeweils durch die Kettfäden hindurchgeschossen wird. Diese Tätigkeit ist seit dem bronzezeitlichen Webstuhl nachgewiesen.

Im Siegerland war Weben Männerarbeit. Die schweren Eichenholzwebstühle stellten sie nach der Neujahrswoche im größten beheizbaren Raum des Hauses auf. Der Fußboden wurde besprengt, den die “Schlichte”, eine Mehl-Wachs-Klebemasse zum Glätten der Leinenkette, durfte nicht austrocknen. In 5-6 Stunden fertigte ein fleißiger Weber ein “Gewebe”

Bild 4             Heute kann man das Weben auf einem alten Webstuhl im Siegerland nur noch im Museum betrachten - Hier ein “Weber” im Museum in Erndtebrück, der anläßlich der Feierlichkeiten zum 750-jährigen Stadtjubiläum im Mai 2006

von 6 Ellen (5,28 Meter in 80 cm Breite). Die naturgrauen Leinenballen ruhten in Truhen bis zur Frühjahrsbleiche. Dazu bereiteten die Frauen eine Bleichlauge aus Holzasche und kochendem Wasser. Die darin gereinigten Leinenbahnen wurden auf der Bleichwiese über Tag ausgespannt und mit frischem Bachwasser naßgehalten. Sie bleichten 2-3 Wochen lang, wurden am Bach gespült und mit dem Bleuelbrett und -stock geglättet. Leinen für Röcke und Kittel gab man in die Stadt zum Blaudrucker oder Färber. Um 1900 trugen Männer im Siegerland noch Arbeitstracht, den blauen, runden Kittel, oft mit Stickerei an Bördchen und Schulterpasse, dazu eine schwarze Hose und Kappe. Die Werktags- und Sonntagstracht der Siegerländerinnen war auch dunkelblau oder schwarz gefärbt, lange Röcke aus Beiderwand3 oder Leinen mit einem Mieder und einer Jacke, dazu aus feingewebtem weißen Leinen die Blusen und Kopftücher. Die Arbeitskleidung aus Druckstoffen, die man nach der Dreslerschen Siamosenfabrik “Drääslersch Gedrucke” nannte, wurden noch nach 1900 getragen. Handgezeichnete Musterbücher von 1748 und 1840 aus dem Siegener Museum beweisen, dass die Weber auch hier schön gemusterte Gewebe herzustellen vermochten.

Diese Beschreibung macht deutlich, wieviel Arbeit von den Frauen früherer Generationen auch für die Herstellung von Kleidung und Wäsche für die Familie geleistet worden ist.

Als in England die Spinnmaschine und der Maschinenwebstuhl erfunden worden waren, sanken die Löhne im Hausgewerbe noch weiter. Trotz der Einführung mechanisierter Webstühle und Spinnmaschinen konnte die Verdrängung des Textilgewerbes aus dem Siegerland nicht aufgehalten werden. Parallel zum technischen Fortschritt ging  auch im Siegerland das traditionelle Spinnen und Weben zurück, zumal um 1900 eine Spinnmaschine das 1.200-fache des Spinnrades und ein mechanischer Handstrickstuhl das 400-fache einer Handstrickerin leistete. Nach 1885 wurden in den Berichten der Handelskammer Siegener Webwaren nicht mehr erwähnt.

Eine existenzbedrohende Notlage wie in Schlesien entstand für die Siegerländer Weber jedoch nicht, denn seit 1860 entwickelten scih vor allem die Eisen- und Lederindustrien und zogen die Arbeitskräfte an. Das traditionelle Spinnen und Weben im häuslichen Bereich blieb noch länger erhalten, die leichter zu verarbeitende und zudem billigere Konkurrenzfaser Baumwolle wurde zugekauft, da der Eigenanbau von Flachs sehr mühsam war. Er verlangte besten Boden und gedieh wegen der Flachsmüdigkeit nur alle sieben Jahre auf der gleichen Fläche. Der Flachsanbau wurde daher auch im Siegerland mehr und mehr eingestellt. Nur in den Notzeiten während der beiden Weltkriege, als der Mangel an Importwaren eine Eigenversorgung mit Textilfasern wieder notwendig machte, lebte der Kleinanbau von Flachs wieder auf. Im Jahre 1938 gab es 3 Hektar Flachs im Siegerland.

 

 

Quellennachweise und Erläuterungen

1 http://heu.know-library.net/ - Als Heu bezeichnet man die getrocknete oberirdische Biomasse von Grünpflanzen, meist Wiesengräsern. Es wird jedoch nur der erste Schnitt als das eigentliche Heu genannt. Es enthält weit mehr Faserstoffe (holzhaltige Grashalme) und ist insbesonderefür für Jungvieh und Pferde geeignet. Der zweite und die weiteren Grasschnitte werden regional als "Grummet" (auch Grünmmat - von grün Mahd) bezeichnet. Grummet ist nährstoffreicher als Heu und insbesondere für Milchvieh als Futter geeignet, für Pferde kann Grummet dagegen sogar gefährlich werden.

2 Siamosen sind Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle. In damaliger Zeit sind sie besonders für gestreifte oder karierte Schürzenstoffe verwendet worden.

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Beiderwand - Beiderwand (auch Halbwollenlama) ist ein schweres Mischgewebe. Beiderwand war insbesondere im 19. Jahrhundert ein verbreitetes Material für bäuerliche Trachten. Vor allem in Hessen und im Odenwald wurde es für Faltenröcke, Kniehosen und Mäntel verwendet, war aber auch in Nord- und Süddeutschland verbreitet. In der ersten Hälfte der 19. Jahrhunderts, als die die Rohmaterialien für Stoffe noch weitgehend von der ländlichen Bevölkerung selbst versponnen und gewebt wurden, wurde Beiderwand aus Kettfäden von Leinen (Flachs) mit wollenen Schussfäden hergestellt. Im Laufe der Zeit wurde das Leinen weitgehend durch importierte Baumwolle ersetzt. Beiderwand wird nicht gewalkt, oft nicht einmal gewaschen, sondern nur (ohne vorgängiges Rauhen) glatt geschoren."

"Stadtmuseum Hilchenbach in der Wilhelmsburg" - Die vollständige Loseblatt-Dokumentation ist im Stadtmuseum als Museumsführer erhältlich

Arnold, Otto, Siegerländer Arbeitswelt, Otto Arnold Photographie 1927 - 1938, Bilddokumente einer Südwestfälischen Kulturlandschaft, Texte von Hanne-Lore Arnold, Detlev Arnold, Dr. Hartmut Laumann und Dieter Tröps, Verlag Arnold, Siegen 1985

Das Bild 1 stammt aus Arnold, Otto, Siegerländer Arbeitswelt, Otto Arnold Photographie 1927 - 1938, Bilddokumente einer Südwestfälischen Kulturlandschaft, Texte von Hanne-Lore Arnold, Detlev Arnold, Dr. Hartmut Laumann und Dieter Tröps, Verlag Arnold, Siegen 1985, S. 173

Die Bilder 2 bis 4 sind eigene Bilder

 

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